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Rudolf Steiner

WEIHNACHT 

EINE BETRACHTUNG AUS DER LEBENSWEISHEIT (VITAESOPHIA)

Berlin, 13. Dezember 1907

 

Die Geisteswissenschaft wird, wenn sie richtig und tief genug verstanden wird, den Menschen immer mehr und mehr wieder hineinführen in das unmittelbare Leben, dem er durch eine materialistische Denkweise nicht nähergebracht wird, wie man glaubt, sondern dem er sich durch eine solche entfremdet.

Dieser Satz ist oftmals hier und sonst, bei dieser und jener Gelegenheit ausgesprochen worden, um die Mission unserer Bewegung zu charakterisieren. Er wird aber den Menschen der Gegenwart sonderbar anmuten, denn zahlreiche unserer Zeitgenossen haben nun einmal die Meinung, daß wirkliches Leben - das, was sie Leben nennen - ganz woanders zu suchen sei als m dem, was Geisteswissenschaft zu geben vermag; und manche haben wohl auch die Meinung, daß Geist-Erkenntnis am wenigsten berufen sein könne, den Menschen zu einer tatsächlichen Lebenspraxis zu führen. Sie wird es dennoch tun; sie wird es im kleinsten, sie wird es im größten tun! Die Geisteswissenschaft wird imstande sein, wenn sich diejenigen, die sich mit öffentlichen oder sonstigen Angelegenheiten befassen, von ihr durchdringen lassen, alle die großen Fragen der Gegenwart in der Weise zu lösen, wie sie gelöst werden müssen, wenn die Menschheit ein volles Leben führen soll. Alle die mannigfaltigen Verwirrungen, alle die ungesunden Verhältnisse in unserer Zeit, alles, was man Zeitfragen nennt, was man heute in dilettantenhafter Weise von diesem oder jenem Gesichtspunkte aus zu lösen versucht, es wird nur gedeihlich in Angriff genommen werden können, wenn sich unsere Zeitgenossen bequemen werden, sich mit der Wahrheit der Geisteswissenschaft zu durchdringen. Doch das soll uns heute weniger beschäftigen, es sollte nur berührt werden.

Heute soll uns mehr die Gefühlsseite, die Empfindungsseite der Geist-Erkenntnis beschäftigen. Es soll uns mehr der Gedanke vor die Seele treten, wie bei einer tieferen, gefühlsmäßigen Auffassung des Lebens dem Menschen gerade in einer solchen Zeit wie jetzt unser Dasein abstrakt, öde, verstandesmäßig und begriffsmäßig vorkommen muß. Wir sehen in einer solchen Zeit, wenn eines der großen Feste - das Weihnachtsfest, das Osterfest oder das Pfingstfest -herannaht, wie da die äußeren Formen, gewisse äußere Maßnahmen dieser Feste festgehalten werden. Sehr, sehr wenig ist aber von dem vorhanden, was unsere Vorfahren in einer solchen Zeit lebendig in ihrer Seele fühlten: jener tiefe, die Seele durchhauchende Zug des Gefühls, der unseren Vorfahren eigen war in bezug auf das Verhältnis des Menschen zum ganzen Kosmos und seines göttlichen Untergrundes. Dieser Zug wurde besonders belebt in solchen Festeszeiten. Denn solche Festeszeiten waren etwas Reales für die Seele. Die Seele empfand in solchen Zeiten anders als während des übrigen Teiles des Jahres.

Der heutige Mensch macht sich keine Vorstellung von dem, was durch die Seelen zog in den Vorzeiten, wenn bei immer kürzer werdenden Tagen das Jahresende herannahte und die Geburt des Christus Jesus gefeiert wurde, oder wenn die Auferstehung des Christus Jesus nahte, wenn die Schneedecke allmählich schwand von der Erde und das, was die Erde unter ihr verborgen hatte, wieder an die Oberfläche trat. Scheinbar ist unser Leben konkret. In Wahrheit sind die Gefühle unserer Zeitgenossen abstrakt, verstandesmäßig, leer geworden. Die Menschen gehen durch die Straßen und fühlen von dem Weihnachtsfest in der Regel kaum mehr, als daß es ein Fest der Geschenke ist. Und was sie sonst fühlen, steht nur in geringem Zusammenhange mit jenen tiefen Empfindungen, die unsere Vorfahren in jener Zeit durchzogen. Der Mensch hat eben verloren den Zusammenhang mit dem Leben. Gefühlsmäßig diesen Zusammenhang wieder zu erlangen, das ist etwas, was zu der Mission der Geisteswissenschaft gehört.

Wer sich nur mit den Begriffen und Ideen dessen, was man gewöhnlich die Weltanschauung der Geisteswissenschaft nennt, befaßt, hat das Allerwenigste von der Geisteswissenschaft begriffen. Der erst hat sie begriffen, der da weiß, daß die ganze Gefühlswelt und Empfindungswelt des Menschen eine andere werden muß, wenn die Geist-Erkenntnis sich einlebt in die Herzen und in die Seelen. Und was eine Weile abstrakt wurde, was eine Weile in seiner Bedeutung vergessen wurde, der tiefe Sinn unserer Feste, wird wieder lebendig vor die Seele treten, wenn dieses intime Verhältnis zur ganzen umliegenden Welt den Menschen wieder erfassen wird so, wie es ihn erfassen kann durch eine spirituelle Anschauung.

Öfter hat uns bei dieser Gelegenheit der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes beschäftigt. Heute soll das noch von einer ändern Seite her geschehen. Heute soll es geschehen dadurch, daß wir uns zuerst einmal klarmachen, wie die anthroposophischen Gedanken und Ideen auf unsere Empfindungswelt wirken, wie sie tatsächlich aus dem Menschen etwas ganz anderes machen werden, als er jetzt ist, etwas, wodurch er wiederum wissen wird, was es heißt, den Pulsschlag des geistigen Lebens in der Natur unmittelbar zu empfinden, die Wärme, die durch die Welt geht, als die alle Wesen beseelende Wärme wirklich zu fühlen. Heute ist für den Menschen, wenn er hineinsieht in den Sternenhimmel, durch die abstrakte Astronomie der Sternenhimmel erfüllt mit abstrakten stofflichen Weltenkugeln. Diese Weltenkugeln werden dem Menschen wieder erscheinen als Körper von Seele und Geist. Der Raum wird für ihn wiederum durchgeistigt und durchseelt sein. Er wird den ganzen Kosmos empfinden, warm, wie er empfindet an dem Busen eines Freundes; nur wird er den Geist des Kosmos selbstverständlich majestätischer und großartiger empfinden.

Wir wissen, daß wir eine solche Seele, wie wir sie im Menschen kennen, eine individuelle Seele, die im einzelnen Leibe wohnt, nur in dem Menschen zu suchen haben. Bei den ändern Wesen, die uns umgeben, haben wir die Seele in anderer Art und anderer Form zu suchen. Die Tiere, die um uns herum leben, sind auch beseelt, aber wir werden vergeblich ihre Seele hier auf dem physischen Plan suchen. Das Tier-Ich, das wir ein Gruppen-Ich nennen, ist zu suchen auf dem astralischen Plan, und eine ganze Gruppe verwandter Tiere - meinetwegen die Löwengruppe, die Tigergruppe, alle Katzen -, alle einzelnen Gruppen verwandter Formen haben eine gemeinsame Seele, ein gemeinsames Ich. Die Getrenntheit des Ortes hier auf der Erde tut nichts zur Sache. Ob ein Löwe hier in einer Menagerie und ein anderer in Afrika ist, das ist ganz gleich; alle Löwen gehören zusammen zu demselben Ich, das der Geheimforscher auf dem Astralplan finden kann. Diese Gruppen-Iche sind dort geschlossene Persönlichkeiten; und wie Ihre Persönlichkeit hier auf dem physischen Plan eine geschlossene ist, so ist das Gruppen-Ich eine geschlossene Persönlichkeit auf dem Astralplan. Wie Ihre zehn Finger zu Ihrer geschlossenen Persönlichkeit, so gehören alle Löwen zu dem Gruppen-Ich des Löwen. Und wenn wir die Bekanntschaft machen könnten mit den einzelnen Gruppen-Ichen auf dem Astralplan, so würden wir finden, daß die hervorstechendste Eigenschaft der Gruppen-Iche die Weisheit ist, wie wenig weise die einzelnen Tiere uns auch auf der Erde erscheinen mögen. Niemand darf von den Eigenschaften der einzelnen Tiere hier schließen auf die Eigenschaft der Gruppen-Iche, der Tierpersönlichkeit auf dem astralen Plan. Ebensowenig wie Ihre Finger Eigenschaften zeigen eines individuellen Ichs, ebensowenig zeigt das einzelne Tier die Eigenschaften des Gruppen-Ichs. Weise handeln diese Gruppen-Iche, und weiser, als Sie es sich denken können, sind diese einzelnen Tierseelen, und was Sie hier als die Verrichtungen der Tiere kennen, wird bewirkt von den Gruppen-Ichen. In unserer Atmosphäre, im Umkreis unserer Erde leben sie, um uns herum sind sie zu finden. Wenn Sie den Flug der Vögel verfolgen, wie sie beim Herannahen des Herbstes fortziehen von Nordosten nach Südwesten, und beim Herannahen des Frühlings wieder zurückziehen in ihre Heimat, von Südwesten nach Nordosten ziehen, und wenn Sie sich fragen: Wer lenkt weise diesen Vogelflug? - dann kommen Sie als okkulter Forscher, wenn Sie die einzelnen Anordner und Regierer suchen, auf die Gruppen-Iche der einzelnen Gattungen oder Arten. In aller tierischen Bevölkerung lebt das astralische Ich, das für den astralischen Plan ebenso ein Ich ist wie das Menschen-Ich hier, nur ein viel, viel weiseres Ich. Viel gescheitere Iche als hier die physischen Menschen sind dort auf dem Astralplan die geschlossenen Gruppenpersönhchkeiten, die die einzelnen Glieder hier auf dem physischen Plan haben, und alles, was bei den einzelnen Tieren weise eingerichtet ist, ist geoffenbarte Weisheit der Gruppen-Iche der Tiere. Wir schreiten anders durch die Welt, wenn wir das wissen, daß wir bei jedem Schritt und Tritt durch Wesen schreiten, deren Taten wir sehen.

Sehen wir das Pflanzenreich vor uns, dann liegt das Ich dieser Pflanzenwelt in einer noch höheren Welt als die Gruppen-Iche der Tiere. In der geistigen Welt oder im Devachan liegen die Iche der Pflanzen, und im Grunde genommen sind es sehr wenige, diese Iche der Pflanzen; denn alle diese Iche der Pflanzen umfassen viele einzelne Pflanzen, die hier auf der Erde sind, viele Arten. Und wenn wir uns den Ort suchen, wo wir diese Pflanzen-Iche räumlich zu finden haben, dann würden wir zu dem Mittelpunkt der Erde kommen. Alle Pflanzen-Iche sind vereinigt im Mittelpunkt der Erde.

Es wäre ein primitives Sich-Vorstellen von dem Geist der Iche, wenn man fragen wollte, ob diese verschiedenen Iche auch alle Platz haben. Im Geistigen durchdringt sich alles. Wer das nicht versteht, kommt zu der Anschauung, die jetzt in einem Buche enthalten ist, das auch besonders den Theosophen angepriesen wird, das zwar von geistigen Welten spricht, aber doch so davon spricht, daß gefragt wird: Wenn im Laufe eines Jahrtausends dreißig Milliarden Menschen gelebt hätten, deren Seelen nun im Umkreis der Erde sein sollen, so müßte da eine so große Anzahl von Seelen sein, daß da für alle wenig Platz wäre im Umkreis der Erde. - Es ist gut gemeint, dieses Buch, aber es ist ungeheuer trivial.

Im Mittelpunkt der Erde haben wir zu suchen die Pflanzen-Iche, weil die Erde selbst als Planet ein ganzer Organismus ist; und so wie die Haare an Ihrem Organismus sind, so sind die Pflanzen Teile am Organismus unserer Erde, und die Pflanzen, die Teile am Organismus unserer Erde sind, sind für sich nicht selbständige Wesen, sondern sind Glieder des Erdorganismus. Schmerz und Lust bei den Pflanzen sind Schmerz und Lust des Erdorganismus.

Wir brauchen uns nur zu erinnern, was ein paar Wochen vorher schon gesagt worden ist in Bezug auf Schmerz und Lust in der Pflanzenwelt. Wer diese Dinge beobachten kann, der weiß, daß, wenn man eine Pflanze - soweit es die oberen Teile betrifft - verletzt, diese Verletzung nicht mit einem Schmerzgefühl unseres Erdorganismus verbunden ist. Es bereitet der Erde ein Wohlgefühl. Das ist dann so, wie wenn das Kalb an der Mutterkuh saugt, was auch mit Wollustgefühl verbunden ist. Denn das, was von der Erde heraussproßt von den Pflanzen, wenn es auch fest ist, dieses aus der Erde heraussprossende Grün ist für den Erdorganismus zu vergleichen mit der Milch des tierischen Organismus. Und wenn im Herbst der Schnitter mit der Sense durch die Halme schneidet, ist das nicht bloß ein abstrakter Vorgang für den, der die Ideen der Geisteswissenschaft zu Empfindungen der Seele zu vertiefen versteht, sondern der Schnitt der Sense bedeutet einen Hauch von Wollust, der hingeht über den Acker, und das ganze Mähen des Getreides übersät das Feld mit Lustgefühlen.

So lernen wir fühlen mit dem Erdorganismus, wie wir fühlen an dem Busen eines Freundes. Und wir lernen verstehen den Schmerz der Erde, wenn wir wissen, daß die Erde den Schmerz fühlt, sobald wir die Pflanzen ausreißen mit ihrer Wurzel. Das ist für die Erde Schmerz, wenn wir die Pflanze mit den Wurzeln ausreißen. Man darf hier nicht einwenden, daß es unter Umständen besser sein könnte, wenn man eine Pflanze mit der Wurzel versetzt, als wenn man die Blüte pflückt. Solche Umstände haben da keine Bedeutung. Wenn ein Mensch anfängt grau zu werden, und er sich, um schöner zu bleiben, dann die ersten grauen Haare ausreißt, tut es ihm deshalb doch weh.

So lernen wir fühlen mit der umliegenden Natur, und die Natur wird uns immer mehr Seele und Geist. Und wenn wir hinausgehen in einen Steinbruch, und wenn da die Steinarbeiter die Steine abklopfen, so bleibt uns das, wenn wir die Ideen der Geisteswissenschaft vertiefen zu Gefühlen der Seele, nicht etwas Abstraktes. Wir sehen dann nicht bloß die Steine aus dem Felsen herausfliegen. Ja, nicht einmal, wenn ein Felsen gesprengt wird, bleibt uns das etwas Abstraktes, sondern wir lernen mitfühlen, was da draußen die durchseelte, durchgeistigte Natur fühlt. Und wenn wir vor einem Glas Wasser stehen, und wir werfen in die Wassermenge etwas Salz oder ein Stück Zucker hinein und sehen, wie das Salz oder der Zucker sich auflösen, so wird da etwas gefühlt: da ist Seele drinnen. Und wollen wir wissen, was da für Seele drinnen ist, dürfen wir nicht gewöhnliche Analogien anwenden. Denn leicht könnte man glauben: wenn der Steinarbeiter die Steine loshämmert, daß das der Natur Schmerz verursacht; aber das Gegenteil ist gerade der Fall. Was man Zersplittern im Steinreich nennt, verursacht der Natur die größte Freude, innerliches Wohlgefühl, und innerliches Wohlgefühl ist es auch, wenn wir ein Stück Zucker oder Salz im Wasser auflösen. Dadurch durchströmen das Wasser Wohlgefühle der sich auflösenden mineralischen Körper. Anders ist es bei anderen Gelegenheiten.

Erinnern wir uns der Urzeit der Erde, jener Zeit der Erde, wo sie ein feurig-flüssiger Körper war und alles Metall und Mineral in unserer Erde aufgelöst war. So hätte die Erde nicht bleiben können, denn sie mußte werden der Schauplatz, auf dem wir wohnen, der feste Schauplatz, auf dem wir herumgehen können. Die Metalle und Mineralien mußten sich verfestigen aus dem flüssigen Element; fest mußten sie werden, sich zusammenziehen mußten sie. Was aufgelöst war im flüssigen Element, mußte sich zusammenballen, kristallisieren; ein ähnlicher Prozeß also, wie er sich uns in einem Glase Wasser abspielt, worin Sie Salz aufgelöst haben. Kühlen Sie das Wasser ab, dann sehen Sie die Salzkristalle sich ablösen als feste Körper aus der Wassermasse. Wenn Sie verfolgen die Gefühle, die dabei spielen, so sind das Schmerzgefühle im scheinbar toten Steinreich. Alles scheinbare Zerstören und Zersplittern des Steinreichs ist Wollustgefühl der Erde. Alles Konsolidieren, alles Festwerden, alles Kristallisieren geschieht unter Schmerzen, und unter Schmerzen haben sich alle Gesteine gebildet, alle festen Mineralien des Wohnplatzes, auf dem wir herumgehen. Dies ist mehr oder weniger so der Fall gewesen beim Festwerden unseres Erdumkreises.

Wenn wir auf die Zukunft unserer Erdentwickelung hinblicken, müssen wir uns diese so vorstellen, daß das Feste immer mehr flüssig wird, sich auflöst. Die Erde verwandelt sich ja zuletzt in das, was wir die «astralische Erde» nennen, bis die Erdmaterie immer feiner und feiner geworden ist. So daß wir in der ersten Hälfte unseres Erdbildungsprozesses die mineralischen Bestandteile anzusehen haben als das, was unter Schmerz und Leid der feste Schauplatz wird für unser Wohnen; und gegen Ende durchzieht immer mehr seliges Wohlgefühl das Erdenwerden, und die ganze Erde wird in Wohlgefühl getaucht sein, wenn sie sich verwandeln wird in einen himmlischen Planeten, der astral in der Welt sein wird.

Eingeweihte, wenn sie sprechen über die Dinge, sprechen in ihren Sätzen immer tiefe Geheimnisse aus. Sie sprechen solche Geheimnisse aus, daß ihre Sätze sogar in mehrfacher Weise zu verstehen sind, weil viel Sinn in ihnen ist. Paulus, der ein Eingeweihter war, hat solche Sätze ausgesprochen, in denen immer ein mehrfacher Sinn liegt. Je weiter wir selbst kommen im Verständnis des Kosmos, der geistigen Welten, desto tiefer wird uns auch immer ein solcher Ausspruch des Paulus erscheinen. Paulus wußte es, daß die Erdenkörper unter Schmerzen fest geworden sind und entgegenseufzen ihrer Auflösung, ihrem Geistig-Himmlischwerden: «Und die ganze Natur seufzet unter Schmerzen, ihrer Annahme an Kindesstatt harrend!» Diese Schmerzen, unter denen sich die festen Mineralien herausgebildet haben zu dem, worauf wir stehen und gehen, die meint der Eingeweihte Paulus mit diesem tiefen Wort.

So lange wissen wir noch nicht das Rechte von der Geisteswissenschaft, solange sie für uns nur ein System des Denkens ist. Aber das ist das Eigentümliche, daß sich die Ideen in Gefühle umwandeln, und daß wir andere Menschen werden, weil wir auf Schritt und Tritt alles das, was wir außen sehen, fühlen und empfinden lernen! Das meinten die, die wirklich etwas gewußt haben von der esoterischen Lehre des Christentums. Bis in das 18. Jahrhundert hinein können Sie verfolgen die christlichen Schriftsteller, die noch eine Empfindung hatten zu dem Lebenden in der Natur, zu allem Lust und Leid. Daher sagen sie uns in ihren Schriften Worte, die heute für den Menschen nur bloße Worte sind, oder höchstens Allegorien und Bilder, während sie als Wirkliches zu verstehen sind: Ihr sollt nicht bloß denken über die Natur, ihr sollt sie empfinden und schmecken und fühlen! - Das meinten sie, wenn der Sensenmann die Halme abmäht: daß wir das schmecken, die Gefühle empfinden, die über den Acker hinziehen. Und wenn wir sehen, wie der Mann im Steinbruch die Steine heruntersplittert, daß wir dann das Wohlgefühl der Natur mitempfinden. Und wenn wir sehen, wie da, wo ein Fluß ins Meer fließt, sich die Erde ablagert, daß wir empfinden lernen, wie da mit der sich hinlagernden Erde zu gleicher Zeit Schmerzgefühle sich hinlagern.

Ganz durchseelt wird uns so die Natur. So lebt sich die Seele des Menschen aus der Enge heraus. Das Gefühl strömt in die Umwelt ein. Wir werden eins auf diese Weise mit der ganzen umliegenden Natur. Und wenn wir so mit der ganzen umliegenden Natur Stück für Stück eins werden, dann fühlen wir auch die größeren Ereignisse noch m ihrer Geistigkeit, Seelenhaftigkeit. Wir fühlen dann, wenn im Frühling die Tage immer länger werden, wenn immer mehr und mehr Licht auf unsere Erde strömt, wenn aus dem geheimnisvollen Inneren der Erde herauswachsen die Pflanzen, die in ihren Keimen drinnen waren in der Erde, und wenn sich alles wieder mit Grün bedeckt, wir fühlen da herausströmen nicht bloß das, was wir sehen - das herausschimmernde Grün -, wir fühlen, daß da auch seelisch etwas geschieht.

Und wenn gegen den Winter die Tage kürzer werden, immer weniger Licht auf unsere Erde kommt, die Pflanzen sich wieder zurückziehen, das Grün sich verändert, dann fühlen wir etwas ähnliches, wie wir selbst fühlen, wenn wir ermüdet des Abends dem Schlafe entgegengehen. Und ähnliches fühlen wir im Frühling, wenn die Natur aufwacht: daß dann dieser Ausdruck für uns nicht bloße Allegorie ist, sondern wahre Wirklichkeit. Wir fühlen den Wechsel der Natur, den Wechsel der Seele und des Geistes der Natur. Wir fühlen, wie von der Mitte des Sommers an alles nach abwärts geht, wie die Seele unserer Erde sich zuneigt ihrem Schlafzustand. - Dann aber, wenn abends der Mensch sich seinem Schlafzustand zuneigt, haben wir jenen lebendigen Prozeß vor uns, den wir oft beschrieben haben: Allmählich zieht sich der Astralleib mit dem Ich des Menschen heraus, macht sich frei und schwebt sozusagen in seiner eigenen, seiner ureigenen Welt. Und könnte der Mensch im gegenwärtigen Entwickelungszustand der Menschheit das, was er einst können wird, so würde, wenn der Astralleib sich heraushebt aus dem Äther- und physischen Leib, ein geistiges Bewußtsein aufleuchten; geistiges Arbeiten und geistige Welt wäre um den Leib herum. Der Mensch stiege einfach heraus aus seinem physischen Leib, in eine andere Daseinsform eintretend. Das tut er so auch, nur weiß er davon nichts in seinem heutigen Entwickelungszustand.

Das geschieht auch auf unserer Erde. Der Astralleib unseres Erdumkreises macht Verwandlungen durch das Jahr hindurch. Die Verwandlungen sind auf den beiden Halbkugeln der Erde andere; darauf kommt es uns heute nicht an. Der Astralleib unserer Erde ist in derjenigen Zeit, in welcher die Pflanzen und das Leben überhaupt heraussprossen aus der Erde, mit dem natürlichen Dasein unserer Erde beschäftigt. Er besorgt es, wenn Pflanzen wachsen; er besorgt alles das, was auf der Erde geschieht als Grünen und Gedeihen. Und im Herbst, wenn eine Art Schlafzustand über die Erde kommt, geht dieser Astralleib der Erde über zu seinem geistigen Schaffen.

Diejenigen, welche diesen Vorgang der Erde lebendig empfinden, die wissen, daß sie in einer unmittelbaren Weise während des Hochstandes der Sonne, vom Frühling bis in den Herbst hinein, in allem, was draußen sproßt und gedeiht, die äußere Offenbarung des Erdengeistes zu sehen haben. Dann aber, wenn der Herbst herankommt, stehen sie unmittelbar dem freier gewordenen irdischen Astralleib gegenüber; und wenn die Tage am kürzesten sind, das heißt, das äußere physische Leben sich am meisten dem Schlafe nähert, dann wacht das geistige Leben auf. Und was ist es, dieses geistige Leben der Erde? Wer ist der Geist der Erde?

Dieser «Geist der Erde» hat sich selbst als den Geist der Erde bezeichnet, da, als er sprach: «Wer mein Brot isset, tritt mich mit Füßen», und als er hinwies auf das, was die Erde hervorbringt an fester Nahrung für die Menschen, und sagte: «Dies ist mein Leib», und als er hinwies auf das, was als die Säfte das Lebendige durchfließt, und sagte: «Das ist mein Blut.» Damals hat er mit diesen zwei Aussprüchen die Erde selbst als seinen Organismus bezeichnet.

Das alles ist anders gewesen in vorchristlicher Zeit, und das ist anders in der christlichen Zeit. Denn so, wie es in der christlichen Zeit ist, ist es erst geworden in einem bestimmten Augenblick der Erdentwickelung. In den Zeiten der kurzen Tage, wann die heiligen Mysterien des Altertums gespielt haben, wandten sich die, welche eingeweiht wurden, mit all ihrem seelischen Wesen der Sonne zu; und in der tiefen Mitternacht des Tages ungefähr, den wir als den Weihnachtstag kennen, wurden die Einzuweihenden in den heiligen Mysterien dazu gebracht, daß sie die Sonne sehen konnten in der Mitternachtsstunde. Denn da wurden sie zum Hellsehen befördert. Der gegenwärtige Mensch kann dann um Mitternacht nicht die Sonne sehen, denn sie ist jenseits der Erde. Für den Sehenden ist aber die physische Erde kein Hindernis, die Sonne zu sehen. Er sieht die Sonne in ihrer geistigen Wesenheit. Und wenn die Seher in den heiligen Mysterien um die Mitternachtsstunde die Sonne sahen, sahen sie den Regenten der Sonne, den Christus. Denn er war ja für die, die mit ihm in Verbindung treten sollten, damals noch durchaus in der Sonne.

Als auf Golgatha das Blut aus den Wunden floß, war das ein bedeutsames Ereignis für die ganze Erdentwickelung. Niemand versteht dies Ereignis, der nicht verstehen kann, daß das Christentum auf einer mystischen Tatsache beruht. Wenn jemand mit hellsichtigem Gesicht von einem fernen Planeten aus die Entwickelung der Erde hätte verfolgen können durch Jahrtausende, würde er gesehen haben nicht bloß den physischen Leib der Erde, sondern auch den Astralleib der Erde; und dieser Astralleib der Erde hätte gezeigt durch Jahrtausende hindurch bestimmte Lichter, bestimmte Farben und bestimmte Formen. In einem Moment hat sich das geändert. Andere Formen erschienen, andere Lichter und andere Farben leuchteten auf - und das war der Augenblick, da auf Golgatha das Blut aus den Wunden des Erlösers floß. Das war nicht bloß ein menschliches, sondern das war ein kosmisches Ereignis. Dadurch ging das Christus-Ich, das sonst bloß auf der Sonne gesucht werden durfte, über auf die Erde. Es verband sich mit der Erde, und im Geist der Erde finden wir das Christus-Ich, das Sonnen-Ich. Und der Eingeweihte vermag den Sonnengeist, den er in den heiligen Mysterien des Altertums auf der Sonne suchte in der Weihnachts-Mitter-nachtsstunde, nun in neuer Zeit in dem Christus selbst zu sehen, als in dem Mittelpunktsgeist der Erde.

In dem Sich-lebendig-verbunden-Fühlen mit dem Christus-Geist liegt das christliche Bewußtsein; nicht nur das Bewußtsein des gewöhnlichen Christen, sondern das Bewußtsein des christlichen Eingeweihten.

Dies ist der Prozeß, der in jedem Jahr sich abspielt, wenn die Tage kürzer werden und die natürliche Erde in ihren Schlaf eingeht. Dann ist der Prozeß der, daß wir in unmittelbare Verbindung treten können mit dem Geiste der Erde. Deshalb ist es nicht einer Willkür entsprossen, sondern dem Prinzip der Einweihung, in die Zeit der kürzesten Tage und der längsten Nächte die Geburt des Heilandes zu verlegen. Und wir sehen so etwas unendlich bedeutsames Geistiges mit dem Kürzerwerden der Tage und dem Längerwerden der Nächte verbunden und fühlen auch, daß in diesem Ereignis Seele ist, und zwar die höchste Seele, die wir in der Erdentwickelung fühlen können.

Nicht eine Lehre oder eine Summe von Gedanken empfanden die ersten Christen, wenn sie den Namen des Christus aussprachen. Ihnen wäre es ganz unmöglich erschienen, daß man bloß auf die Sätze hin, die der Christus Jesus ausgesprochen hat als christliche Lehre, jemanden einen Christen genannt hätte. Niemandem wäre eingefallen zu leugnen, daß diese Sätze auch in ändern Religionsbekenntnissen zu finden sind, und niemandem wäre es eingefallen, dies als etwas Besonderes anzusehen. Erst heute legt man gerade in den gebildeten Kreisen einen besonderen Wert darauf, daß die Lehre des Christus Jesus übereinstimme mit ändern Religionsbekenntnissen. Es ist richtig: man wird kaum einen Lehrsatz finden können, der nicht auch schon früher gelehrt worden ist, aber darauf kommt es nicht an. Nicht durch die Lehre allein ist der Christ mit dem Christus verbunden. Nicht der ist ein Christ, der an die Worte glaubt, sondern der ist ein Christ, der an den Christusgeist glaubt. Zum Christ sein gehört das Sich-verbunden-Fühlen mit dem tatsächlich auf der Erde wandelnden Christus. Bloß Christi Lehre anerkennen, heißt nicht, das Christentum predigen. Das Christentum predigen heißt, in dem Christus den Geist sehen, den wir eben charakterisiert haben als den Regenten der Sonne, der in dem Moment, als das Blut aus den Wunden floß auf Golgatha, seine Arbeit auf die Erde verlegte und dadurch die Erde miteinbezogen hat in die Arbeit der Sonne.

Deshalb empfanden auch die, die zuerst das Christentum verkündeten, sich am wenigsten gedrängt dazu, bloß die Worte zu verkündigen; sondern sie legten den größten Wert darauf, zu verkündigen die Person des Christus Jesus: «Wir haben Ihn gesehen, als Er mit uns auf dem heiligen Berge war.» Daß er da war, daß sie ihn gesehen haben, darauf legten sie Wert. «Wir haben unsere Hände in Seine Wunden gelegt.» Daß sie ihn berührt haben, darauf legten sie Wert. Von diesem historischen Ereignis aus geht alle zukünftige Menschheitsentwickelung auf unserer Erde. Das hat man damals gefühlt. Deshalb sagten die Jünger: Wir legen großen Wert darauf, daß wir mit Ihm auf dem Berge waren; aber wir fassen es auch als ein Großes auf, daß das Wort der Propheten sich in Ihm erfüllt hat, das aus der Wahrheit und Weisheit selbst stammte! - Und erfüllt hat sich, was die Propheten vorausgewußt haben. Damals meinte man mit den Propheten die Eingeweihten, die den Christus voraussagen konnten, weil sie ihn in den alten heiligen Mysterien gesehen haben um die Weihnachts-Mitternachtsstunde. Als eine Erfüllung dessen, was man immer gewußt hat, stellen die ersten Christus-Jünger das Ereignis von Golgatha hin, und ein großer Umschwung geht in den Gefühlen der Wissenden vor sich.

Wenn wir hinschauen in eine Zeit des Vorchristentums, und immer weiter hinausgehen in diese Zeiten, finden wir immer mehr, wie alle Liebe an die Blutsbande geknüpft ist. Noch in dem jüdischen Volke, aus dem der Christus selbst hervorgegangen ist, sehen wir die Liebe nur in den Blutsverwandtschaften selber. Wir sehen, daß diejenigen sich lieben, in denen gemeinsames Blut fließt, und auch früher war das immer so, daß auf der Naturgrundlage des gemeinsamen Blutes die Liebe beruhte. Die geistige Liebe, die unabhängig ist von Blut und Fleisch, ist erst mit dem Christus auf die Erde eingezogen. Und in der Zukunft wird es davon abhängen, daß der Spruch sich erfülle: «Wer nicht verläßt Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Weib und Kind, der kann nicht mein Jünger sein.» Wer die Liebe abhängig machen wird von der Naturgrundlage, vom Blut, ist nicht in diesem Sinne ein Christ. Die geistige Liebe, die als großes Bruderband die Menschheit durchziehen wird, ist das Ergebnis des Christentums.

Dafür lernt der Mensch aber auch die größte Freiheit, die größte innere Geschlossenheit durch das Christentum. Noch der Psalmist sagte: «Ich erinnere mich der alten Tage, und über die Urzeit sinne ich nach.» Das war eine ständige Empfindung der alten Zeiten: hinaufzuschauen zu den Urahnen. Man fühlte, daß das Blut der Urahnen noch in den eigenen Adern rollt, und man fühlte sein Ich verbunden mit dem Ich der Urahnen. Wollte man so recht das fühlen, selbst noch in dem alten jüdischen Volke, so sprach man den Namen Abraham aus; denn man fühlte sich dadrinnen in dem gemeinsamen Blutstrom, der von Abraham herunterrollte. Der Jude sagte, wenn er sein Höchstes aussprechen wollte: Ich bin mit Abraham eins. - Und seine Seele ging - das hat einen sehr tiefen Hintergrund -, nachdem der Leib gestorben war, in den Schoß Abrahams zurück. Da war noch nicht jene Selbständigkeit vorhanden, die durch den Christus Jesus in des Menschen Bewußtsein eingezogen ist. Durch den Christus Jesus zog die bewußte Erkenntnis des «Ich bin» in den Menschen ein.

Eines aber wurde damals noch nicht gefühlt: die volle Göttlichkeit des innersten göttlichen Wesens des Menschen. Das «Ich bin» fühlten sie, aber sie brachten es in Zusammenhang mit den Urahnen; sie fühlten es in dem gemeinsamen Blut, das herunterfloß seit den Zeiten Abrahams. Da kam der Christus Jesus und brachte das Bewußtsein, daß ein viel Älteres in dem Menschen ist, ein viel Selbständigeres - daß das «Ich bin» nicht nur etwas ist, was dasjenige enthält, was in einem Volke als Gemeinsames lebt, sondern was in der einzelnen Person ist, das daher auch die Liebe wiederum suchen muß in der einzelnen Person, aus sich heraus.

Das Ich, das in Ihnen heute eingeschlossen ist, abgeschlossen nach außen, sucht die geistige Liebe nach außen. Nicht mit dem Vater, der in Abraham war, fühlt sich dieses Ich eins, sondern mit dem geistigen Vater der Welt: «Ich und der Vater sind eins.» Und ein noch tieferer Ausspruch als dieser - obwohl dies der gewichtigste ist, weil er mehr das Verständnis eröffnet - ist der, daß Christus den Menschen klarmachte, daß das nicht das Tiefste ist, wenn sie sagen: Ich war schon in Abraham. - Er machte ihnen klar, daß das «Ich bin» älteren Datums ist, aus Gott selbst entsprossen: «Vor Abraham war < Ich bin >.» So heißt der Ausspruch im Urtext, der gewöhnlich so steht, daß niemand etwas sich dabei denken kann, nicht: Ehe denn Abraham war, bin ich: «Vor Abraham war <Ich bin>», das innerste geistige Wesen, das jeder in sich selber trägt.

Wer diesen Satz versteht, dringt tief in das Wesen der christlichen Anschauung und des christlichen Lebens ein, und er versteht, warum der Christus auch darauf hinweist: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.» Und deshalb sollen wir auch fühlen den richtig gedeuteten Satz des Weihnachts-Antiphons, der uns jederzeit aufs neue sagt in der christlichen Weihenacht das urewige Geheimnis des Außerzeitlichseins des «Ich bin». Nicht wird gesagt in dem Weihnachtsgesange als Erinnerung: Heute gedenken wir, daß Christus geboren wurde -, sondern jedesmal heißt es: «Heute ist uns Christus geboren!» Denn das Ereignis ist ein außerzeitliches; und das, was einstmals in Palästina geschehen ist, geschieht für den, der die Lehre zu Gefühlen und Empfindungen machen kann, in jeder Weihnachtsnacht immer wieder aufs neue.

Daß der Mensch wieder lebendig empfinden wird, was mit einem solchen Fest gemeint ist, dazu wird eine spirituelle Weltanschauung den Menschen wieder führen. Nicht eine abstrakte Lehre, eine abstrakte Theorie zu sein ist ihre Mission, sondern den Menschen wieder voll hineinzuführen ins Leben, es ihm erscheinen zu lassen nicht als ein Abstraktes, sondern als erfüllt überall mit Seele. Und Seele fühlen wir, wenn wir hinausgehen in den Steinbruch und den Stein zersplittern sehen, Seele fühlen wir, wenn wir den Vogelzug sehen, wenn wir sehen, wie die Sense über die Felder geht, wenn die Sonne auf- und untergeht; und immer tiefere Seelenhaftigkeit fühlen wir, je tiefere Ereignisse wir betrachten. An den großen Wendepunkten des Jahres fühlen wir die wichtigsten seelischen Geschehnisse, und das, was für uns das Wichtigste ist, sollen wir wieder fühlen lernen an den großen Wendepunkten des Jahres, die in unseren Festen abgesteckt sind.

So werden unsere Feste wieder etwas werden, was wie ein lebendiger Hauch die Menschenseelen durchzieht, und der Mensch wird sich wieder einleben in solchen Festesaugenblicken in das ganze Wirken und Weben der vollen geistigen und seelischen Natur. Der Anthroposoph soll zunächst vorfühlen als ein Pionier, was die Feste werden können, wenn die Menschheit wiederum den Geist begreifen wird, erleben wird, was es heißt, den Geist in den Festen wiederum zu begreifen. Es wird gehören zu den Kräften, die den Menschen wiederum herausführen in die Welt, wenn wir schon heute an solchen Festestagen etwas fühlen und empfinden von dem Fühlen und Empfinden der Natur, und uns in diesen wichtigen Augenblicken erinnern, was die Geist-Erkenntnis in dieser Lebenslehre den Menschen wieder bringt. Dann wird Geisteswissenschaft lebendige Tatsache der Seele, wird Vitaesophia sein. Und sie kann es am besten sein in den Zeiten, wo sich die Weltenseele ganz besonders zu uns herunterneigt und sich ganz besonders intim mit uns verbindet.

 

 

Erstveröffentlichung Berlin 1909
GA 101 (1987), S 263 ff.

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